Fuego

Wie's die Vögel tun

Christopher & Michael

# Titel Länge Musik / Text / Publisher Vorschau
1. Bundestagslied 4:24 Michael de la Fontaine / Michael de la Fontaine / EMI Songs Musikverlag
2. Das etwas eintönig' Lied von den vielen kleinen Fiat 600s 4:09 Christopher Sommerkorn / Christopher Sommerkorn / April Musikverlag
3. Dornröschen im Urlaub 2:43 Michael de la Fontaine / Michael de la Fontaine / EMI Songs Musikverlag
4. Meine kleine Freiheit 3:38 Michael de la Fontaine / Michael de la Fontaine / EMI Songs Musikverlag
5. Nein, Nein, Nein 4:42 Christopher Sommerkorn / Christopher Sommerkorn / April Musikverlag
6. Geierlied 4:07 Christopher Sommerkorn / Christopher Sommerkorn / April Musikverlag
7. Lebe wohl, kleiner Vogel 3:20 Michael de la Fontaine / Michael de la Fontaine / EMI Songs Musikverlag
8. Moby Dick 4:45 Christopher Sommerkorn / Christopher Sommerkorn / April Musikverlag
9. Fräulein Vorgestern 4:13 Michael de la Fontaine / Michael de la Fontaine / EMI Songs Musikverlag
10. Geh nur hin, Emanzipation - oder: Es schmilzt ein kleiner Mann im Schnee 3:51 Christopher Sommerkorn / Christopher Sommerkorn / April Musikverlag

Liner Notes

Producer: Gerd Schmidt

Aufgenommen im Tonstudio Walldorf 1966
Technische Leitung: Hans Pfalzgraf
Covergrafik: Volker Hartmann

Covertext:
Recht fleißig sind wir seit der Zeit, als wir unsere erste Schallplatte aufnahmen, bis zu dem heutigen Zeitpunkt gewesen; über siebzig Konzerte haben wir gegeben, standen mit unseren Gitarren auf der „Großen Bühne der Öffentlichkeit", vor Schülern, Studenten oder vor altersmäßig sehr gemischtem Publikum und — schrieben Lieder.
Auf unserer zweiten Langspielplatte liegt nun das Ergebnis dieser Arbeit vor: auf ihr sind wir Sänger und Interpreten ausschließlich unserer eigenen Lieder, während die erste Langspielplatte ein Live-Mitschnitt eines unserer ersten Konzerte in Frankfurt war. Sie zeigte uns mehr als Sänger fremder als unserer eigenen Lieder. Die Schwerpunkte haben sich seitdem verlagert: nach wie vor zeigen wir zwar auf unseren Konzerten den Bogen auf von der reinen Folklore, die unterschiedlichste Gemüter verbinden kann und soll, über die neueren amerikanischen Folksongs, die ja eine ganze Bewegung ausgelöst haben, bis hin zu unseren eigenen Liedern. Sie sind der Ausdruck nicht nur ideologischer, sondern auch sozialer und gefühlsmäßiger Konflikte.
Um es einmal ganz deutlich zu sagen: wir haben nicht resigniert, obwohl sich die Art, uns auszudrücken, im Laufe unserer Entwicklung gewandelt hat. Wir wissen, dass man die Möglichkeit, die das Lied hat, um auf politische Begebenheiten einzuwirken, nicht überschätzen darf. Mit anderen Worten: zu leicht können sich Aktivitäten mit dem Anhören oder dem Singen von Liedern erschöpfen. So ist also der vielleicht einmal vorhanden gewesene moralische Zeigefinger, ein reines »Sing Out« zugunsten Konkreterem weitgehend verschwunden, nicht aber das Wissen um die Wirksamkeit unserer Gesänge. Damit sind wir auch gleich bei der Beantwortung einer Frage, die verständlicherweise immer wieder an uns gestellt wird, nämlich der: was wollt ihr eigentlich? Nun, wir wollen produktiv sein, und zwar nach Möglichkeit nicht in der Stoßrichtung unserer übermächtigen Meinungs- und Bewusstseinsindustrie. Wir wollen demgegenüber keine Meinungen verkaufen und keine Patentrezepte anpreisen, sondern einen kleinen Teil dazu beitragen, erstarrte gesellschaftliche Verhältnisse in Bewegung zu bringen und, wenn möglich, zu verändern.
Wenn wir hier auf dieser Schallplatte nur eigene Songs vorstellen, wird dies einem großen persönlichen Ziel gerecht, und wir freuen uns natürlich deshalb sehr, es so schnell verwirklicht zu sehen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: ganz so harmlos und lieblich zwitschern, wie's die Vögel tun, werden wir auch in absehbarer Zukunft nicht. ...

Covertext zu den Songs:

Was läßt sich tun, fragt man, wenn dies oder jenes geschieht: soll man auswandern, sich anpassen oder etwa — sich aufhängen? »Das Bundestagslied« mit seinen vielen ausdrückenden „wenn's“ drückt ein wenig die Hilflosigkeit dessen aus, der sehen muss, dass er kein echtes „dann“ entgegensetzen kann, nur den eigenen Willen.

Bei dem etwas eintönigen »Lied von den vielen kleinen Fiat Sechshunderts« wird in mehr oder weniger parodistischer Imitation die Form des Bänkelgesangs übernommen. Ein privater Scherz, gewiß. Trotzdem aber sollte eine gar nicht so latente Ernsthaftigkeit nicht überhört werden.
Wen . . . wundert's?

Ein Mädchen mit dem Bewußtsein einer Märchenprinzessin wird konfrontiert mit den höchst unromantischen Banalitäten des Alltags. Sie versucht sich ihre Traumwelt zu erhalten, so gut und so lange es geht, bis sie letzten Endes zusammenbrechen muß: »Dornröschen glaubt nicht mehr an ihre Fee«.

Deutlich abgesetzt von der großen kollektiven Freiheit, die sich so pathetisch verteidigen lässt, wird hier das tägliche Leben mit der kleinen Freiheit geschildert. Ein wenig Selbstironie ist schon da: ich kann die Autoritäten nicht stürzen, ich kann sie nur lächerlich machen, das ist »Meine kleine Freiheit!«

Zweite Strophe, Themawechsel, Aufgepaßt! »Nein! Nein! Nein!«, drei scheinbar in völligem Widerspruch zueinander stehenden Verneinungen werden hier in einem Lied zu einer Einheit zusammengeschmolzen, werden zum elementaren Widerspruch gegen unreflektiertes Jasagen, gegen das bedenkenlose übernehmen von Konventionen und zum verzweifelten Stemmen gegen Obrigkeitshörigkeit; der einzig mögliche Sprung zum eigenen Standpunkt.

Es soll ja Menschen geben, die keinen Sinn für die Ausnahme aufbringen können, allgemein auch Spießer geheißen. Vom zweifelhaften Podest ihrer lächerlichen Selbstsicherheit kommen sie ständig, klopfen an Türen unter dem Vorwand, gute Ratschläge geben zu wollen. Lieber aber würden sie einen zerfetzen. Aus diesem Grund heißt dieses Lied »Geierlied«.

»Moby Dick« erzählt nicht die rührende Geschichte von dem weissen Wal im Rhein und wie es ihm dort erging, sondern soll etwas an die Grenzen der Möglichkeiten eines Liedes oder an das, was Christopher & Miachel tun, erinnern. Lieder werden von Menschen und nicht von Heiligen gemacht. Menschlicher Widerspruch ist nicht nur gestattet, sondern sein Eingeständnis unumgänglich, um glaubwürdig zu sein. „Ich kann die Welt gar nicht verändern!" Resignation? „Aber trotzdem singe ich mein Lied . . .”

»Lebe wohl, kleiner Vogel« ist ein kleines Lied mit wenig intellektuellem Anspruch, aber starker persönlicher Aussage, vorausgesetzt, man setzt es in Bezug zu den anderen Liedern.

»Das Fräulein Vorgestern«, erst angesprochen als erlebte Gestalt, dann immer weiter abstrahiert, bis es zum Schluss symbolhaft steht für das Bestehende, Konservative, drückt die Wehmut von dem aus, der aufbrechen muss aus Einsicht, der aber bleiben möchte aus Schwäche.

»Geh nur hin, Emanzipation« erzählt mit kritischer Einsicht und heiterer Melancholie, warum „ein kleines Glück schmelzen mußte”. Rein persönliche Erfahrung steht hier wie in vielen anderen Liedern metaphorisch für ein allgemeines Problem. In diesem Fall nicht mehr und nicht weniger, als der vergebliche Versuch, einen emanzipierten Partner zu finden.


Über den Künstler

CHRISTOPHER & MICHAEL hinter diesem Gruppennamen verbargen sich Christopher Sommerkorn und Michael de la Fontaine. Ihre erste Schallplatte, eine Single, erschien 1965: die deutsche Version von Bob Dylans »Don’t think twice« und ihre Eigenkomposition »Soll es denn niemals anders sein«.
Obwohl lange vorher schon persönliche und musizierende Freunde, begann damit das bundesweite Interesse an den beiden Frankfurtern: was sie sangen, fiel genau in die Zeit beginnenden Unbehagens gerade junger Leute an gesellschaftlichen Zuständen Mitte der sechziger Jahre: Adenauer war gegangen, Ludwig Erhard wollte die formierte Gesellschaft, die Ostermärsche waren noch friedlich, aber massenhaft, die moralische Empörung gegen den Vietnamkrieg wuchs langsam.
Just in diesem Umbruch erschienen Christopher & Michael, hatten Spaß am Leben, an der Musik, vor allem an amerikanischen Folksongs - aber auch die Ambition, ihre eigenen Lieder zu machen. Dass dabei erst Peter, Paul and Mary und dann vor allem Bob Dylan mit seinen Texten ihre Vorbilder waren, ist unverkennbar; ihre Lebensfreude und ihr Selbstvertrauen war unerhört, und, einmal entdeckt, wehrten sie sich vehement gegen das Klischee von den »Protestsängern«, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen. Das ist ihnen spielend gelungen: in unzähligen Konzerten, auf kleinen und großen Bühnen, auf vier Singles und drei LP’s hatten Christopher & Michael in jener Zeit mehr Erfolg als viele alle anderen Interpreten dieser neuen deutschen Folklore. Eben dieser Erfolg trug ihnen auch Kritik ein der Gralshüter deutscher Folklore im Umkreis der Burg Waldeck: als zu populär, also zu leicht wurden sie damals empfunden.
Sie hätten weitermachen können, aber 1968 hörten sie auf dem Höhepunkt ihres Erfolges abrupt auf. Der Studentenprotest wurde jetzt auf den Straßen ausgetragen, und da kamen sich die beiden Soziologiestudenten auf der Bühne nicht mehr sinnvoll vor. Hinzu kamen Meinungsverschiedenheiten über die weitere musikalische und textliche Entwicklung. Das Duo »Christopher und Michael« gab es nicht mehr, zur Enttäuschung ihrer Anhänger.
Christopher und Michael waren damals populäre Vertreter einer Generation. Sie waren optimistisch und rebellisch, kritisch und respektlos. Die Entwicklung ist für beide dann getrennt weitergegangen.

Christopher Sommerkorn wurde Funk- und Fernsehjournalist, Dokumentarist vor allem im gesellschaftspolitischen Bereich; dafür erhielt er den Kurt-Magnus-Preis der ARD und den .Journalistenpreis Entwicklungspolitik’ des Bundesministeriums für Entwicklungshilfe. Er starb 2010 in Frankfurt.

Michael de la Fontaine produzierte noch zwei weitere Alben, allerdings unter eigenem Namen. 1969 studierte er in Frankfurt Soziologie, schrieb seine Diplomarbeit über Städteplanung und promovierte schließlich mit einer Arbeit über künstlerische Erfahrung. Er arbeitete als Leiter des Goethe-Instituts in verschiedenen Ländern.

Christopher & Michael’s Website | Alle Alben von Christopher & Michael | Siehe auch mehr von Michael de la Fontaine

FUEGO ID: 2369 | Album | Genre: Folk Liedermacher Deutsche Texte